André Wolpers
Autor: André Wolpers
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Zuletzt aktualisiert am 30.08.2026

Case Study: Sourcing in die Tiefe statt in die Breite – der unterschätzte Hebel im Active Sourcing

Branche/Kontext: Mehrere vergleichbare Mandate für Nischen- und Spezialist:innen-Rollen (u. a. IT-Security) bei mittelständischen Technologieunternehmen · Zielgruppe: Security Engineers, Penetration Tester und vergleichbare Spezialist:innen mit kleinem Kandidatenmarkt · Zeitraum: Erfahrungswert aus mehreren Jahren aktiver Sourcing-Praxis (12 Jahre) · Kanal: LinkedIn Recruiter · Ansatz: vollständige Tiefensuche statt Mehrkanal-Streuung

Ergebnisse auf einen Blick

KennzahlTypische Größenordnung
Sichtbare Kandidat:innen bei oberflächlicher Standardsucheca. 40–60
Sichtbare Kandidat:innen bei vollständiger Tiefensuche (gleiche Rolle)ca. 300–400+
Anteil passender Kandidat:innen außerhalb der ersten Ergebnisseitengeschätzt 60–70 %
Genutzte Plattformenmeist 1 (in der Tiefe statt mehrere oberflächlich)
Pipeline-Aufbaukontinuierlich statt einmalig (über gespeicherte Suchen/Alerts)

Hinweis zur Einordnung: Diese Case Study bildet kein einzelnes, exakt dokumentiertes Kundenmandat ab, sondern verdichtet ein wiederkehrendes Muster aus zahlreichen vergleichbaren Sourcing-Projekten über 12 Jahre Praxis. Die genannten Zahlen sind daher typische Größenordnungen aus der Praxis, keine exakt gemessenen Werte eines einzelnen Auftraggebers – ich kennzeichne sie bewusst so, statt Scheingenauigkeit vorzutäuschen.

Ausgangslage: Warum „mehr Plattformen“ oft die falsche Antwort ist

Neben LinkedIn und XING gibt es eine ganze Reihe weiterer Plattformen, auf denen sich Kandidat:innen finden lassen. Viele Unternehmen ziehen daraus den naheliegenden Schluss: Um wirklich alle relevanten Talente zu erreichen, müsse man auf möglichst vielen dieser Plattformen gleichzeitig aktiv sein. In der Praxis prallt dieser Anspruch fast immer an einem einzigen Faktor ab: Zeit.

Nur sehr wenige Unternehmen betreiben Active Sourcing überhaupt in Vollzeit. Und selbst dort, wo es eigene Vollzeit-Sourcer gibt, werden diese im Alltag durch interne Themen, Meetings und Ad-hoc-Anfragen immer wieder aus dem eigentlichen Sourcing herausgezogen. Aus 12 Jahren eigener Sourcing-Praxis kann ich sagen: Selbst mit vollem Fokus und ohne Ablenkung ist es nicht möglich, für eine gefragte Zielgruppe alle relevanten Kandidat:innen auf LinkedIn vollständig durchzuarbeiten – dafür ist die Plattform schlicht zu groß.

Die eigentliche Frage ist deshalb nicht „Wie viele Plattformen nutze ich?“, sondern: Schöpfe ich das Potenzial der einen Plattform, die für meine Zielgruppe ohnehin ausreicht, überhaupt aus?

Vorgehen: Fokus auf eine Plattform – dafür wirklich in die Tiefe

Je nach Zielgruppe reicht ein einziger, gut gepflegter Zugang zu LinkedIn (bzw. XING, je nach Branche) vollkommen aus, um kontinuierlich passende Kandidat:innen zu finden. Der entscheidende Unterschied liegt nicht darin, ob zusätzlich noch drei oder vier weitere Plattformen genutzt werden, sondern wie gründlich die eine zentrale Plattform durchsucht wird.

In der Praxis bedeutet das: konsequente Nutzung aller verfügbaren Boolean-Kombinationen und Suchoperatoren statt einfacher Stichwortsuche, systematisches Durchgehen weiterführender Filter (Skills, Gruppen, Sprachen, Aktivität, Ausbildungswege, Alumni-Netzwerke), mehrere unterschiedliche Suchpfade für dieselbe Zielrolle statt einer einzigen Suchanfrage – und, am wichtigsten: gespeicherte Suchen mit Alerts, sodass neue passende Profile laufend automatisch einlaufen, statt die Suche bei Bedarf jedes Mal komplett neu zu beginnen.

Ergebnisse im Detail: Der Unterschied zwischen Oberfläche und Tiefe

Bei einer typischen Standardsuche – ein bis zwei naheliegende Suchbegriffe, kaum Filter, die ersten zwei bis drei Ergebnisseiten – werden für eine Nischenrolle wie Security Engineering häufig nur 40 bis 60 Kandidat:innen sichtbar. Wird dieselbe Rolle stattdessen konsequent in die Tiefe durchsucht, wächst die sichtbare Kandidatenmenge in meiner Erfahrung typischerweise auf 300 bis 400 Profile oder mehr.

Besonders aufschlussreich: Ein erheblicher Teil der tatsächlich passenden Kandidat:innen – aus meiner Erfahrung grob geschätzt 60 bis 70 % – taucht in den ersten Ergebnisseiten einer Standardsuche gar nicht erst auf. Sie werden nur sichtbar, wenn man alternative Suchpfade nutzt: andere Berufsbezeichnungen, verwandte Skills, Umwege über Gruppen oder Alumni-Netzwerke. Wer nur an der Oberfläche sucht, sieht also nicht nur weniger Kandidat:innen – er sieht systematisch eine andere, kleinere und oft weniger diverse Teilmenge des tatsächlich vorhandenen Marktes.

Der zweite entscheidende Hebel ist der Übergang von der Einmalsuche zur laufenden Pipeline: Wer gespeicherte Suchen und Alerts konsequent einsetzt, baut sich unabhängig von akuten Vakanzen kontinuierlich einen Talent-Pool auf – und hat dadurch bei der nächsten offenen Position bereits einen Vorsprung, statt bei null anzufangen.

Warum das trotzdem so selten wirklich umgesetzt wird

  • Zeitmangel: Tiefensuche kostet pro Rolle deutlich mehr Zeit als eine oberflächliche Suche – Zeit, die im Tagesgeschäft selten eingeplant wird.
  • Fehlendes Tool-Know-how: Die meisten Recruiter:innen kennen nur einen Bruchteil der tatsächlich verfügbaren Such- und Filterfunktionen der Plattformen, die sie täglich nutzen.
  • Innere Ablenkung statt externer Fokus: Selbst dediziertes Sourcing-Personal wird im Alltag durch interne Anfragen, Abstimmungen und Prozessarbeit immer wieder unterbrochen.
  • Verwechslung von Aktivität mit Wirkung: Auf mehreren Plattformen gleichzeitig oberflächlich aktiv zu sein, fühlt sich nach mehr Reichweite an – bringt aber oft weniger als eine einzige, konsequent ausgeschöpfte Plattform.

Was Unternehmen daraus für die eigene Praxis mitnehmen können

  • Erst die Tiefe einer Plattform ausschöpfen, dann über weitere nachdenken. Zusätzliche Plattformen bringen selten mehr, solange die vorhandene(n) noch nicht wirklich ausgereizt sind.
  • In Tool-Kompetenz investieren, nicht nur in Zugänge. Eine LinkedIn-Recruiter-Lizenz ist nur so gut wie das Wissen der Person, die sie bedient.
  • Gespeicherte Suchen und Alerts als Standard etablieren. Der Wechsel von Einmalsuche zu laufendem Pipeline-Aufbau ist der Hebel mit dem größten langfristigen Effekt.
  • Sourcing-Zeit aktiv schützen. Ohne geschützte, ungestörte Zeitblöcke bleibt Tiefensuche in der Praxis fast immer auf der Strecke – unabhängig von guten Vorsätzen.

Einschätzung aus der Praxis

Mehrere Plattformen parallel zu nutzen, ist nicht grundsätzlich falsch – für manche Zielgruppen, etwa sehr spezialisierte Kreativrollen oder Communities, die aktiv auf anderen Plattformen als LinkedIn unterwegs sind, kann das durchaus notwendig sein. Für die meisten klassischen Fach- und Führungsrollen ist es aus meiner Erfahrung aber der falsche erste Hebel. Der eigentliche Gamechanger im Active Sourcing ist fast immer derselbe, unspektakuläre Schritt: die eine Plattform, die man ohnehin schon nutzt, wirklich vollständig auszuschöpfen – mit systematischer Tiefensuche und laufenden Alerts statt gelegentlicher Stichwortsuche. Genau das wird in der Praxis erstaunlich selten wirklich konsequent umgesetzt.


Du willst wissen, wie viel Potenzial in deinen bestehenden Sourcing-Zugängen noch ungenutzt ist?

Ob Tiefensuche-Setup, Alert-Strategie oder die Frage, welche Plattform für deine Zielgruppe wirklich die richtige ist – ich unterstütze Unternehmen dabei, aus vorhandenen Zugängen deutlich mehr Kandidat:innen-Pipeline herauszuholen, bevor über zusätzliche Tools nachgedacht wird.

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André Wolpers

Moderne Talent Acquisition, Recruiting KPIs, AI im Recruiting und datenbasierte Recruiting-Strategien.